Fred, die Schildkröte

24. April 2007 um 22:02 | Veröffentlicht in Was weiß ich | 4 Kommentare
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Das ist Fred. Ist er nicht süß (gerade seine Frisur)?

Fred ist der richtige Name für gute Schwimmer. Und er beschwört folgende Schildkrötengeschichte herauf:

Fred ist mir sozusagen zugelaufen. Aufgedrängt hat er sich aber nicht, im Gegensatz zu dem Satz echter Wasserschildkröten, die ich einmal besaß. Eigentlich hatte ich mir immer eine kleine Landschildkröte gewünscht, mit der ich meinen Salat teilen kann. Stattdessen hatte ich plötzlich vier Wasserschildkröten zu pflegen.

Die wurden mir auf sehr verschlungenen Pfaden zugespielt und kamen aus China, wo sie mit so wenig Wasser gehalten wurden, dass man angeblich nicht erkennen konnte, dass es Wasserschildkröten waren. Deswegen denke ich, es geht ihnen heute auf jeden Fall besser.

Die Hälfte der schnuckligen kleinen Schildkröten war eigentlich für meine Schwester, aber die war gerade weit weg, deswegen hatte ich gleich vier am Hals. Ich taufte sie alle Fred. Also erstmal ein Wasserschildkrötenbuch gelesen und mit Schrecken herausgefunden: Wasserschildkröten brauchen ein Aquarium (klar), beheiztes Wasser, einen Filter und ein Solarium, denn sie setzen sich zum Wärmetanken in die Sonne. Und sie fressen nicht Salat, sondern fiese Insektenlarven, Fisch und Würmer. Und sie werden bis zu 30 cm groß (ohne Beine).

Nun, ein hilfsbereiter Onkel stellte mir sein altes Aquarium samt Ausstattung zur Verfügung und ich nahm die Freds mit in meine Wohnung. Kaum hatte ich das Aquarium mit Wasser gefüllt, bildete sich ein immer länger werdender Riß im Glas. Ich musste also die so&soviel Liter Wasser mithilfe einer Kanne wieder herausschöpfen und beten, daß das ganze Ding nicht vorher platzte und mein Wohnzimmer überschwemmte. Das tat es nicht, ich lagerte die Kröten in einem Plastikmülleimer zwischen, besorgte am nächsten Tag ein Plastik-Aquarium für sie und baute ihnen ein Sonnendeck. Am einen Ende stellte ich am Rand des Decks, wo auch das Aquarium zu Ende war, ein STOP!-Schild auf, damit sie es nicht versehentlich verließen.
Ich wechselte alle zwei Tage das Wasser. Wenn ich mal drei Tage wegfuhr, bestellte ich eine Schildkrötensitterin.

Ich war nun Tag und Nacht beschäftigt, denn ich hatte auch nicht bedacht, dass die Kröten mit künstlichem Licht nicht klarkommen. Wenn ich abends das Licht löschte, waren sie noch bester Laune, turnten rum, stießen gegen die Scheiben und planschten und ließen mich nicht schlafen. Tat mir auch echt leid, weil sie doch so gerne schwimmen und Haie jagen. Und morgens, wenn es hell wurde und ich noch schlief, erwachten sie und machten wieder einen Höllenlärm. Eines Abends, als ich das Licht ausgemacht hatte, hörte ich einen Plumps. Ein Fred hatte das Stopschild übersehen. Nicht umsonst wurde der Schildkrötenpanzer erfunden.

Und ich fütterte sie mit Larven. Lebende zu kaufen, das brachte ich nicht fertig. Die toten waren schon widerlich genug. Meine Freds fraßen sie – und wuchsen. Innerhalb weniger Wochen verdoppelten sie ihre Größe. Ich konnte das nicht länger mit ansehen. Eine Frau in einer Tierhandlung hatte mir gesagt, wenn die Kröten keinen Platz haben zum Wachsen, haben sie körperliche Schmerzen. Aber was tun? Ich dachte an einen kleinen Zoo, wo ich schon Freds Artgenossen gesehen hatte. Das würde sicher niemand merken, wenn ich sie dort aussetzte.

Doch ich forschte und forschte und stieß – ein Glück! – auf eine Schildkrötenhilfe, die sogar ganz in der Nähe war. Also Freds in einen Karton, ab ins Krötenparadies. Denn das war es: Hier hatte eine freundliche Frau ein riesiges Wasserschildkröten-Schwimmbecken- Terrarium-Märchenland hergerichtet, dazu ein Aufpäppelbecken, ein Sorgenkindbecken, ein Planschbecken für die Kleinen – schöner kann man es in der Natur kaum haben. Die Schildkrötenbeschwörerin freute sich über den Zuwachs. „Stellen Sie sich vor“, sagte sie, „manche Leute setzen die Tiere einfach im Zoo aus. Da haben Jungtiere überhaupt keine Chance.“ Ich nickte und schluckte. Hier würden sie es gut haben.

Mittlerweile haben sie bestimmt ihre 30 cm erreicht. Und Fred begleitet mich jetzt stets und erinnert an sie.

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4 Kommentare »

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  1. Schon wieder eine ganz rührende Geschichte. Du musst ein guter Mensch sein. So sehr kümmert sich sicher kaum jemand um seine Wasserschildkröten. Und wenn sie einst vom Wasserschildkrötenhimmel auf Dich herabschauen, werden sie sicher freundlich an Dich denken.

  2. Vor fast zwei Jahren spielte sich das hier ab. Seitdem hat Ferkel, der Tiger, von Wutz, dem Ferkel, die Schlüsselgewalt übertragen bekommen. 🙂

  3. Ich habe den Bloq nun in Teilen durchgelesen und finde diese Schildkrötengeschichte eine der besten Teile überhaupt. Ich kann mir das ziemlich plastisch vorstellen, wie ich schlafen möchte und von planschenden Schildkröten in den Schlaf gewiegt werde, oder halt auch nicht, bzw. von ihnen geweckt werde.
    Das Stopschild ist einfach Klasse. Aber vielleicht konnten die Kröten nur diese Chinesischen Zeichen, den Namen habe ich wieder vergessen.
    Am Samstag war ich aus anderen Gründen in einer Zoohandlung (Pferdefuttersacktragenmüssen), da habe ich mir noch mal genau das Becken mit Gelbwangen- und anderen Wasserschildkröten angesehen. Sie haben kontinuierlich mit ihren Krallen an der Glasscheibe gescharrt.
    Resümee: „Fred die Schildkröte“ ist eine wirklich wunderschöne Geschichte.

  4. ad bosch: Vermutlich erinnern sie sich eher an die Qualen.

    ad Ole: Bis Fred war ich gar nicht so eine Freundin von niedlichen Schlüsselanhängern. Aber als ich ihn sah, war es um mich geschehen.

    ad Grenzquell: Danke. Stopschilder sind meines Wissens heutzutage aber international.


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