Fahrradgeschichten 2 – Ein Fahrrad wird im Fundbüro ersteigert, aufgemöbelt und Antoine getauft

28. April 2007 um 20:30 | Veröffentlicht in Fahrrad, Hamburg | Hinterlasse einen Kommentar

Also, frisch in Hamburg war ich und es musste ein neues Fahrrad her. Mit meiner damaligen Mitbewohnerin fuhr ich zu einer Versteigerung im Fundbüro. Die Räder gingen teurer weg als ich dachte. Nur eines nicht. Es war als 28er ausgewiesen. Dass das nicht stimmte, konnte ich aus der Entfernung nicht erkennen, auch nicht, dass ihm Sattel, Handgriffe, der Ständer und ein halbes Pedal fehlten. Aber irgendwie war mir das auch egal. Ich hob die Hand und erstand es für einen einstelligen Betrag.


Es war ein 26er und wurde seither schon öfter als Kinderfahrrad verlacht. Aber das hat auch Vorteile. Man kann es zum Beispiel problemlos unter den Arm klemmen, um es U-Bahn-Treppen rauf und runter zu tragen. In seinem Rohzustand hatte es auch kaum Luft in den Reifen, aber trotzdem – und trotz fehlendem Sattel – gelang es mir, damit zur Fahrradstation an der Uni zu fahren.

Hier war zufällig gerade das Fernsehen anwesend, und sie wollten mich und meine Klapperkiste gleich interviewen, aber wir waren etwas verschreckt – wir mussten uns ja noch aneinander gewöhnen. Aber der Fahrradreparierer, den ich eben um eine Rundumerneuerung angehauen hatte, sagte auf die Frage des Fernsehmannes: „Na klar, so Fälle hab ich hier ständig.“ Was ich aber nicht so recht glaubte. Naja. Das Fahrrad bekam ein neues Pedal, einen Ständer, super Griffe, neues Licht, Reflektoren und natürlich einen Sattel. So kostete es insgesamt 10,50 €.

Als ich mich mit dem hergerichteten Rad auf den Heimweg machte, dachte ich über einen passenden Namen nach. Auf Antoine kam ich, weil es mich an den gleichnamigen französischen Sänger erinnerte: sieht irgendwie scheiße aus, ist aber sympathisch und hat Charakter. Mein Fahrrad Antoine (ab sofort „er“) barst vor Stolz. Zuhause bekam er dann noch ein paar Aufkleber verpasst. Selbst einen eigenen Button trug er zwischenzeitlich, den hat er aber wieder verloren.

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich ab sofort Stammkundin in der Fahrradstation war, wenn mal wieder irgendein Teil abgefallen, ein Reifen auszutauschen, eine Schraube gelöst oder das Licht kaputt war. Einer der Mitarbeiter begrüßte mich bald jedesmal mit Handschlag und Kaffee: „Na, was hat Antoine denn diesmal?“ Ich lernte in der Fahrradstation auch eine Menge dazu: Reifen flicken konnte ich schon früher, aber dass ich Lichtkabel verlegen, Hinterreifen richtig einsetzen, das Kugellager fetten und die Gangschaltung anziehen kann, das habe ich alles Antoine zu verdanken.

Einmal standen Antoine und ich in der Werkstatt ein bißchen im Weg, als ich ihm die Reifen aufpumpte. Der besagte Mitarbeiter machte mich darauf aufmerksam und ich sagte, ich sei eh gleich wieder weg. „Schade“, sagte er, „das ist immer so lustig.“

Kürzlich feierte Antoine seinen dritten Geburtstag.

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