Fahrradgeschichten 3 – Antoines neues Leben

2. Mai 2007 um 12:33 | Veröffentlicht in Fahrrad, Hamburg | 2 Kommentare

Manchmal frage ich mich, was Antoine erlebt hat, bevor er in mein Leben trat. Wurde er gestohlen? In den Graben gefahren und vergessen? Oder einfach ausgesetzt? Weil irgendein doofes kleines Mädchen lieber ein pinkes Mountainbike haben wollte? Anfangs merkte ich, daß er manchmal verschüchtert nach den glänzenden neuen Fahrrädern schielte, die neben ihm parkten oder an der Ampel warteten.

Aber ich redete ihm ja immer gut zu und bald wußte er, daß ich ihn mag. Er weiß auch, daß er an der nächsten Ecke geklaut werden könnte, wenn er ein bißchen jünger und lackierter wäre. Und das wollen wir ja beide nicht. Auch wird er immer gut gepflegt und mit Ersatzteilen ausgestattet. Als er sein erstes Batterielicht bekam, war er stolz wie Oskar. Deswegen hat er mittlerweile genug Selbstbewußtsein, um auch mal schicken 28er-Herrenrädern hinterherzupfeifen.

Und was immer Antoine in seinem vorherigen Leben widerfahren ist, sein heutiges ist auch nicht ohne. Wenn wir zusammen zur Reeperbahn fahren und ich ihn dort anschließe, um mir in einer Bar die Nacht um die Ohren zu schlagen, hat er auch die ein oder andere leere Bierflasche im Fahrradkorb, wenn ich ihn wieder einsammle und wir gemeinsam nach Hause wanken.

Antoine musste auch schon mal die Nacht alleine an der Reeperbahn verbringen. Das tut mir leid und er ist hinterher immer ein bißchen sauer.

Das eine Mal sagte ich zu meiner Mitbewohnerin am nächsten Tag: „Ich muß Antoine noch abholen. Aber bei dem schönen Wetter kann er auch noch ein bißchen in der Sonne warten.“ Ein Freund von ihr war dabei und dachte, ich spreche so über meinen französischen Austauschstudenten.

Und das andere Mal ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Wenn Antoine seinen sozialen Tag hat, sammelt er auch den weggeworfenen Müll vorübergehender Passanten in seinem Korb ein. Klar, er ist ein gutes Fahrrad.

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2 Kommentare »

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  1. Dieses Fahrrad hat es wirklich gut bei Dir. Man könnte fast neidisch werden.

  2. Ich hab’s gut mit meinem Fahrrad.


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