Fahrradgeschichten 13 – Antoine ist geläutert

19. Juli 2007 um 23:12 | Veröffentlicht in Fahrrad, Hamburg | 4 Kommentare

Tja, da fahre ich meinen idyllischen täglichen Weg. D.h. das Idyll ist fast vorbei, ich erreiche eben die rauschenden Kreuzungen und Brücken der Innenstadt. Es ist Donnerstag früh, zwanzig vor neun, und in wenigen Minuten wird mir der Tag verdorben werden. Man könnte fast sagen, es schlage gleich 13.

Es gibt da eine Ampel an einer großen Straße, die überquere ich bei Grün. Dann kommt eine schmalere Straße, die überquere ich bei … Ein Polizist hält mich an. Er trägt einen Fahrradhelm, ein Fahrradhemd und eine Radlerhose. Ich hatte schon ästhetischere Begegnungen.


Ich denke noch, es handelt sich um eine Routinekontrolle und mache mir keine Sorgen. Dann werde ich aus meiner morgendlichen Zuversicht geweckt: Ich sei bei Rot über die Ampel gefahren. Da hat Antoine wohl nicht aufgepaßt! Aber der wird gar nicht gefragt, sondern ich. Ich habe eine Ordnungswidrigkeit begangen und könne das zugeben und etwas dazu sagen oder nicht. Ich gebe es zu. Ich bin nicht rebellisch an diesem Morgen. Ehrlich gesagt, ich habe gar nicht bemerkt, daß die Ampel rot war. Ich fahre da rüber, wenn kein Auto kommt, und es kommt meistens keins. Ich drehe mich um und sehe, daß kein einziger Fahrradfahrer hier auf grün wartet. Alle fahren durch. Und alle werden heute morgen angehalten.

Zu dritt hat sich die Polizei in Radlerhosen hinter der nächsten Häuserecke versteckt und lauert ihnen auf. Mir auch. Ich werde konsequent mit meinem Namen angesprochen, als ich meinen Ausweis zeige, aber das macht mir nicht sympathischer, wie der Polizist seinen Text herunterbetet. Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, daß die Ampel noch grün war, wenigstens so grade. Aber ich kann es nicht, und ich fürchte, daß der Polizist recht hat. Während er aufsagt, daß ich in den nächsten Tagen Post bekomme und daß es 25 Euro koste, schlucke ich und denke an Tage meiner Jugend, als diese Ordnungswidrigkeit nicht nur noch 10 Mark gekostet hätte, man aber gerade noch mit einer Verwarnung davongekommen wäre, sondern an denen ich auch aufmüpfig gewesen wäre und gesagt hätte: „Haben Sie denn nichts besseres zu tun! Kümmern Sie sich lieber um unaufmerksame Autofahrer! Die fahren die Radfahrer um und nicht umgekehrt! Und überhaupt, ich bin ein armes Kind und 10 Mark sind viel Geld für mich!“ Und fast hätte ich mich noch der Beamtenbeleidigung schuldig gemacht.

Ich bin nicht mehr kämpferisch, denn ich weiß, daß es nicht hilft. Und ich weiß, wie gefährlich es sein kann, über Rot zu fahren. Ich kapituliere geradezu, wie Tocotronic singen würden. Aber 25 Euro – einfach so, auf dem ehrlichen Weg zur Arbeit – das tut weh und ist ziemlich ärgerlich. Völlig unverhältnismäßig. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, wie die Polizisten im hautengen Fahrraddress – nur ihre Fahrräder kann ich nirgends sehen – sich nach ihrer heutigen Schicht ins Fäustchen lachen ob der langen Strichliste der Fahrradfahrer, die sie heute wieder unglücklich gemacht haben. Sie sind die einzigen, die etwas davon haben, denn jeder einzelne von den Radfahrern hier wird das nächste Mal wieder über Rot fahren. Und vielleicht in Zukunft vorher nach der Polizei Ausschau halten. Und sich dabei jedesmal über die gesparten 25 Euro freuen. Man sollte eher mal überdenken, ob die Ampelschaltung an dieser Stelle sinnvoll ist. Vielleicht wird sie auch absichtlich so gestellt, die Polizei positioniert und der Stadt ein Extra-Groschen beschert.

Antoine und ich traben gesenkten Hauptes davon.

* * * * * * * * *
Weniger kriminelle Fahrradgeschichten: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf

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4 Kommentare »

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  1. 1) Tja. Nun is´ passiert.
    2) Noch schlimmer sind die Ampeln, wo man vom parallel zur Fahrbahn aus geführten Radweg an einem Ampelknopf drücken muss, damit es grün wird. Wenn man dann bremst/verlangsamt, und es nicht schafft vor der Grünphase der Autos zu drücken, bekommt man auch kein Grün mehr und damit nicht mehr legal über die Ampel. Die rechtsabbiegenden Autos hupen einem dann das letzte bisschen Nerv aus dem Hirn, weil sie ja sehen: Der böse Radfahrer fährt bei ROT !
    3) Solche Ampeln lösen sonntagsverderbende Gedanken aus, und ich kenne auch nur 2 und die liegen nicht in Hamburg. So, just n-joy. 🙂
    4) Zu den 25€: „gemischtes“ Risiko fahren, ab und zu mal anhalten.
    Da könnte man eine Stochastik-Aufgabe drüber verfassen. Wieviel wird es StudentIn X. im Semester kosten, wenn er/sie a) jede Ampel bei Rot überfährt b) von 231 Ampeln 31 bei Rot überquert … und die Kontrollwahrscheinlichkeit bei 2% liegt ?

  2. In meiner Stadt ist das Gang und Gebe, weil es hier so viele Radfahrer gibt. Jemanden auf dem Gepäckträger mitnehmen kostet 10€pro Person, falsche Straßenseite befahren 15€. 25€ ist noch ganz gut. Ist die Ampel länger rot, wird das Verwarngeld zu einem Bußgeld. Bei Menschen in der Probezeit wäre dann sogar der Führerschein weg. Und fahren sie hier mal ohne Licht und verkehrt herum in eine Einbahnstraße. Die Polizisten sind hier überall. Ich habe Mitgefühl.

  3. @Lenny_und_Karl: Aber Du kommst doch auch aus Hamburg, oder?

    Für’s Fahren auf der falschen Seite musste ich ja im vergangenen Jahr auch einmal EUR 15,– berappen. Man hat mich hinterhältig in einer razziaähnlichen Aktion abgefangen. Das war ganz klar ein Fall von Wegelagerei. Die Begründung, dass das Fahren auf der falschen Seite häufig zu Unfällen führe, trifft sicher auch nur zu, wenn ständig Polizisten aus dem Hinterhalt auf den Radweg springen. Außerdem hatte die Polizeifritte fiese aufgeklebte Fingernägel mit Steinchen drauf. Sowas sollte man abzetteln – und keine harmlosen Radfahrer.

  4. Hm…. seufz…

    ad Grenzquell: In nunmehr zwanzig Jahren Fahrradfahrerei wurde ich erst dreimal, sagen wir viermal (aber da war ich nicht im Unrecht) angehalten.

    ad Lenny_und_Karl: Ich fahre hier ja nun schon seit drei Jahren kreuz und quer in der Stadt und erlebe es echt selten, daß da bei Radfahrern eingegriffen wird. Im Gegenteil, früher dachte ich, die Polizei hat wirklich Besseres zu tun.
    Und einen Führerschein, den man mir wegnehmen könnte, habe ich zum Glück gar nicht!

    ad bosch: Geisterfahrer sind so dermaßen nervig. Trotzdem kann man, finde ich, bei aller Regelbrecherei auch auf sein Fahrradgefühl vertrauen.


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