Wie ich mein Mobiltelefon nach 2 1/4 Jahren wiedersah

25. Oktober 2007 um 21:43 | Veröffentlicht in Hamburg, Something Else | 8 Kommentare

Post: Von der Davidwache. Kriminal- und Ermittlungsdienst. Das klingt aber spannend. Und was drinsteht, ist, daß ich etwas darf, und zwar einen nachfolgend aufgeführten Gegenstand abholen: Mein altes Mobiltelefon. Mein Siemens-Mobiltelefon, das mir lange treue Dienste geleistet hat, mit dem ich von Bonn nach Hamburg gezogen bin und das ich zumindest anfänglich sehr vermißt habe. Handschriftlich ist etwas dazugekritzelt, und das ist der Punkt: „Aus Diebstahl im Jahr 2005“.

Zwei Jahre und drei Monate habe ich es nicht gesehen.

Zuvor geschah folgende Geschichte – sie ist lang und traurig.

Sie spielt im Juli 2005. Eine Geburtstagsparty in der Meanie Bar, also im öffentlichen Raum. Ich hatte meine Tasche auf dem Boden abgestellt, eine Freundin wachte darüber. Bis wir uns verabschiedeten. Eine Sekunde nicht hingeschaut, und meine Tasche war weg. Es war meine Lieblingstasche, die ich 1997 in London gekauft hatte. Darin befand sich mein gesamter Besitz: mein Geld (mein Portemonnaie war mir kurz zuvor schon einmal geklaut worden, deswegen hatte ich eh grade keinen Personalausweis. Es waren also nur mein Geld und mein Semesterausweis darin), meine Schlüssel, ja, auch Antoines Fahrradschlüssel war dabei, ein Pullöverchen, eine Brille, die ich erst eine Woche zuvor erstanden hatte (mittlerweile habe ich natürlich eine viel schönere), etwas Krams, meine Jacke mit insgesamt drei meiner Lieblingsbuttons (Es war Sommer und nicht kalt, die Jacke war nur für den nächtlichen Weg) und eben mein Mobiltelefon.

Ich suchte zwar zunächst nach der Tasche und fragte alle, doch es war klar, daß sie einfach weg war. So stiefelte ich nachts um zwei zur Davidwache ums Eck und meldete einen Diebstahl und erstattete Anzeige.

Bei der Polizei wird man natürlich überhaupt nicht ernst genommen, wenn einem nachts auf der Reeperbahn was wegkommt. Am besten soll man gar nichts mitnehmen. Es gibt Leute, die gehen nur aus, um darauf zu warten, daß jemand Unachtsames wie ich sein Zeug eine Sekunde aus den Augen läßt (und das passiert mir nie wieder!). Am liebsten sitzen sie in der Ecke, nahe bei der Tür, schnappen sich dann Portemonnaie und Handy und schmeißen den Rest in die Elbe. Toll. Ich jedenfalls listete brav alles auf, was ich vermißte, sperrte meine EC- und SIM-Karte (sie haben die Telefonnummern dafür praktischerweise alle da) – und dann stand ich da, mit nichts außer dem, was ich am Leibe trug. Es mag etwas albern klingen, aber das hat mich wirklich nachhaltig erschüttert. Und ohne Personalausweis ist man ja ohnehin nur „angeblich“, wer man ist. Das wiederum fand ich ganz lustig.
Naja, nach Hause konnte ich nicht, denn meine damalige Mitbewohnerin war übers Wochenende nicht da. Also entschied ich, zurück zur Meanie Bar zu gehen und mich einfach weiter zu amüsieren. Ich bekam ein, zwei Bier ausgegeben und wurde irgendwann im Taxi von zwei Bekannten mit in eine wunderschön eingerichtete 60er-Jahre-Wohnung genommen, wo ich in einem großen, grünen, runden Gästebett übernachtete. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, klingelte ich bei der Mutter meiner Mitbewohnerin, die einen Wohnungsschlüssel hatte, und als ich dann wieder in der WG war, fiel mir plötzlich ein, daß auf meinem Studentenausweis meine Adresse stand. Es kam aber niemand. Am Montag wechselte ich (eigenhändig) das Türschloss aus, befreite Antoine, der zwei Nächte am Spielbudenplatz verbracht hatte, und holte bei der Sparkasse Geld ohne EC-Karte und Personalausweis.

Ich mußte erstmal auf mein altes rosa Bonbonmobiltelefon umsteigen, das ich zwar mochte, das einem beim Bedienen der Tasten aber alle Daumen bricht. Zum Glück gehöre ich zu den Leuten, die ihre Telefonnummern noch in einem papiernen Adressbuch archivieren, und ein halbes Jahr später gab’s wegen Vertragsverlängerung ein neues Telefon. Von dem weggekommenen fand ich noch irgendwo diese komische IMEI-Nummer, die ich der Polizei mitteilte. Wochenlang ging ich regelmäßig zum Fundbüro und fragte nach meinen Sachen, obwohl sie von vergeblicher Liebesmüh sprachen.
Diese komische IMEI-Nummer führte wiederum dazu, daß ich jetzt auf einmal diesen Brief bekam, womit ich ja im Leben nicht gerechnet hatte. In dem stand auch, daß ich anrufen soll, falls ich kein Interesse habe. Natürlich hatte ich Interesse, auch wenn ich das Telefon eigentlich nicht mehr brauche. Nur so. Interesse eben!

Ich also mal wieder zur berühmten Davidwache, wo ich fast eine halbe Stunde warten mußte („So viele Handys, da muß man lange suchen“). Was mein Telefon wohl in all den Jahren erlebt haben mag? Sie konnten mir über dessen Auftauchen aber nicht mehr sagen, als daß es wohl bei jemandem sichergestellt worden war.
Und dafür sah es eigentlich noch ganz gut aus; der Akkudeckel fehlt, und seinerzeit hatte ich noch so ein kitschiges Anhängsel daran. Funktionieren tut es auch noch, wo man doch den Herstellern nachsagt, sie legen diese Geräte von vornherein nur auf einen Gebrauch von zwei Jahren an.
Ich hätte es nicht gedacht, aber so ein Telefon begleitet einen ja doch recht regelmäßig, und selbst der SMS-Ton klang so vertraut in meinen Ohren. Sogar Melodien von mir waren noch darauf, „Bad Boy“ von den Beatles, und rührige Notizen. Das richtig Spannende ist natürlich, daß noch alle möglichen Kurznachrichten von dem Zwischenbesitzer, einem zeltenden, kiffenden Jugendlichen namens Nico*, darauf waren.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

*Alle Namen geändert


Links: Der Bonbon-Ersatz, rechts: Der verlorene Sohn

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8 Kommentare »

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  1. Schade, daß das Mobiltelefon nicht so klug ist wie Antoine. Es hätte sonst sicher eine Menge zu erzählen über seine Zeit in Nicos Zelt.

  2. Der Umstand, dass man in der Davidwache nicht ernstgenommen wird geht einher mit der Ernsthaftigkeit, welche die Wache mit ihrer albernen Leuchtreklame ausstrahlt. Muss hier unbedingt noch bemerkt werden.

  3. Schön, endlich mal eine Geschichte mit Happy-End.

  4. Ich ging im September zum ersten Mal bewusst an der Meanie Bar vorbei und dachte: „Ah, hier ist es wo sie Lady Kinkling die Tasche geklaut haben.“ Mein Portemonnaie habe ich dann mal in die vordere Tasche genommen.

  5. […] Wovon mein altes Mobiltelefon nach all den Jahren zu berichten weiß 31. Oktober 2007 at 11:35 | In Something Else | (Die Diebstahl- und Vorgeschichte …) […]

  6. Ich wollte nochmal in die Lanze springen für die Meanie Bar. Das ist ja eine der angenehmsten Lokalitäten auf dem Kiez. Seine Sachen festhalten muß man dort ja überall …

  7. Hehe nette Geschichte… 🙂

  8. […] mir einmal schriftlich gab, daß er mir so eine Kamera abkauft, die dabei war, wenn ich das&das Handy bestellte (damals, 2004, waren Kameras noch zum Dranschrauben …). Er wollte sie für sich […]


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