Wovon mein altes Mobiltelefon nach all den Jahren zu berichten weiß

31. Oktober 2007 um 11:35 | Veröffentlicht in Something Else | 7 Kommentare

(Die Diebstahl- und Vorgeschichte …)

Da hielt ich also völlig überraschend mein altes Telefon wieder in der Hand. Ich konnte es natürlich kaum erwarten und aktivierte es sofort. Schon erstaunlich, daß es noch so gut funktioniert, nach allem, was es erlebt hat. Und wie super ich es seinerzeit fand, daß man über 80 Kurznachrichten darauf speichern kann … Das waren noch Zeiten.

Was ich nicht erwartet hatte, war, daß es noch voll mit SMS-Nachrichten einer mir unbekannten Person war. Was kann einem so ein Telefon nicht alles über seinen Halter erzählen! Der Wecker war auf 6:30 gestellt, und zwar jeden Tag außer Sonntag. Ein paar gespeicherte Bilder zeigen das Logo der Hamburg Freezers und das Wappen von Hamburg, seine Termine heißen „MTV“ und „Mathebuch zurückgeben“. Er kennt laut seinem Telefonbuch Leute, die „Arsch“ mit Nachnamen heißen und hat die Nummer der Polizei seines Stadtteils auch gleich gespeichert. Aber die Kurznachrichten sind natürlich das Beste. Als erstes fand ich heraus, wie alle Freunde von dem Typen heißen, der mein Handy zwischenzeitlich im Besitz hatte. Da ist ein Henning, eine Marie, eine Filiz, ein Lars* und eine „Mama Handy“. Auch wenn letzteres bei ihm sichergestellt wurde, war er sicher nicht der, der es mir geklaut hat, denn zwischen dem Diebstahl und seiner ersten SMS liegen 1 1/2 Jahre. Wo er es wohl herhatte?

Naja, jedenfalls stand sein Name natürlich auch drin, und er heißt Nico und ich weiß, was er letzten Sommer getan hat: „Mama könntest du vielleicht morgen einen handfeger und den kleinen staubsauger mitbringen?“

Er und seine Freunde sind ganz normale Jugendliche. Sie können einigermaßen Rechtschreibung, wünschen einander herzig frohe Weihnachten, haben noch keinen Führerschein und gehen in einem tristen Hamburger Vorort zur Schule: „19:19 Hallo. Ich soll schreiben dass du kommen sollst. Nach draußen auf’n schulhof. Oder hast du was besseres zu tun?“

Natürlich singen und trinken sie auch: „Jan und Mike sind derbe breit, die schreien hier den ganzen platz zusammen.“ Sie bestellen was zu rauchen, aber nur vorsichtig: „Ja natürlich sag ich das keinem! Aber er besorgt uns doch nicht viel oder? Doch nur für 2 Joints?“ Im Sommer beim Zelten wird daraus aber nichts („Voll langweilig hier, saufen dürfen wir nicht“), wofür sie sich doch gesittet „um 11 Uhr morgens in festen Schuhen“ verabredet hatten.

Sie haben die üblichen Freundschaftssorgen und -nöte: „Sag mal ehrlich, haste keinen bock auf mich. Willste mich nich auf deinem Birthday dabei haben?“ – „Das war nur so eine phase, wo du immer in den pausen bei uns warst, aber jetzt ist alles wieder cool.“ Da sind wir natürlich beruhigt (und fragen uns, ob man sowas wirklich per SMS klären muß).

Nico hat keine Beziehung und schreibt nur ausgewählten Mädels „hdl“. Dazu gehört auch Katrin, aber Henning schreibt: „Falls Arne gerad bei dir in der nähe ist sag ihm dass Katrin wohl auch auf ihn steht. ich habe sie ganz vorsichtig gefragt und sie meinte sie mag ihn!“ Wird wohl nichts mit Katrin.

Ich lerne neue Wörter – „Na alte Gesichtsgrätsche!“ -, und manche Tätigkeiten sind mir aus meiner Jugend gänzlich fremd („Komm ma bitte online!“), genauso wie das JOKE-Abo, Witze, die Nico seinen Freunden dann auch noch weiterleitet, die das super finden: „‚Papa, i hob mi verliebt!‘ – ‚In wen?‘ – ‚ I mogs nit soge.‘ – ‚Maria?‘ – ‚Na.‘ – ‚Eva?‘ – ‚Na.‘ – ‚Zenzi?‘ – ‚Na … in den Sepp!‘ – ‚Spinnst du?! Der is doch evangelisch!'“

Doch nur David stellt die alles entscheidende Frage: „Wann bekomm ich mein radiergummi wieder?“

So ist es halt mit der Jugend – „Du bist voll der checker und trotzdem voll öde.“

*alle Namen geändert

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7 Kommentare »

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  1. ganz geil, der Text. Ich werde noch heute losgehen und mein Händy irgendwo liegenlassen

  2. Ich hab heut eins gefunden; war es Deines?

  3. Wahnsinn ! Cool ! So ist das also heute, ein authentisches Zeugnis der Jugend. Ich habe noch irgendwo einen Stapel Zettel, den ich im Unterricht schrieb. Die Erwischensgefahr beim Weitergeben war dabei aber höher, als mit dem Handy schätze ich.

  4. gott, was habe ich gelacht. grossartig!

  5. […] nicht nur die großen Literaten Lesespaß versprechen, weiß Lady Kinkling zu berichten und liest fremde SMS vom eigenen Handy. Andere Stadtteile, andere Sitten und das gilt ganz besonders für die Rückseite der Reeperbahn. […]

  6. Haha, ganz großes Tennis.
    Danke dafür.

    Schick ihm doch einen Radiergummi. Er freut sich bestimmt darüber. 😉

  7. Geschichte, die das Leben selber schreibt, ist oft die beste. So etwas hat nicht jeder in seinem kleinen Kosmos. Ein echtes Juwel, ein Geschenk des Lebens.
    Und schön erzählt.

    Vielen Dank


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