Fahrradgeschichten 6 – Antoine fährt Achterbahn

21. Mai 2007 um 18:43 | Veröffentlicht in Fahrrad, Hamburg, Herübergehört, Was weiß ich | 3 Kommentare

Mein Fahrrad Antoine und ich waren geschäftlich in Billstedt. Hin fuhren wir mit der Bahn – ist ja doch ein Stück von Winterhude.

Am Bahnsteig stand ein Mann, der auf dem einen Arm einen Kuchen trug und in der anderen Hand eine riesengroße Rose, die in Papier eingewickelt war. Er hielt sie senkrecht nach unten, wie man frischgekaufte Schnittblumen eben hält. Daß sich in dem Papier eine Rose befand, wußte ich erst, als sie mir nichts, dir nichts aus dem Papier auf den Bahnsteig fiel. Der Zug fuhr ein und der Mann, der nun nur noch das Papier in der Hand hielt, bemerkte es gerade noch, hob die Blume schnell auf und mußte lachen. Ihr war nichts zugestoßen. Ein Glück.

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Die erste Begegnung in Billstedt war ein alter Mann, der sich auf der Rolltreppe der U-Bahn-Station an Antoines Fahrradkorb hängte. „Ich halt mich nur fest“, sagte er. „Bitte nicht zu fest“, sagte ich, „sonst ziehen Sie mich runter“, und war froh, als die Rolltreppe zu Ende war.

Die zweite Begegnung in Billstedt war eine Frau, die direkt vor mir über die Ampel ging. Ich sah sie nur von hinten und ihre blondierten Löckchen. Sie hatte lange braungebrannte Beine und trug eine sehr, sehr kurze Hose, dazu schwarz-weiß geringelte Overknee-Strümpfe. Und weiße, sehr, sehr hohe Schuhe. Sofort hielten alle Autos und hupten, aber sie beachtete sie nicht. Ein paar Jungs riefen ihr etwas zu, das ich nicht verstand, sie flötete „Ich wa-heiß“ zurück und stöckelte weiter.

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Den Rückweg wollten Antoine und ich dann aber ohne fremde Hilfe antreten. Ich hatte mir auf dem Stadtplan eine Straße ausgesucht, die ich langfahren wollte. An einer Stelle zweigte der Radweg aber nach rechts ab und führte in ein grünes, dunkles Loch, tief in einen Wald hinein. Die Autostraße dagegen erhob sich linkerhand hoch in Form einer ausladenden Brücke. Der Radweg ging etwas bergab und ziemlich schnell und das machte Spaß und ich wußte ja, daß die Richtung ungefähr stimmte. So ging es in Höchstgeschwindigkeit

über Stock und Stein,

über eine Autobahnbrücke,

unter einer Unterführung her

und schließlich in den Schlund eines langen Tunnels. Soviel Schwung hatten wir, daß ich auch bergauf gar nicht treten mußte, und als der Tunnel Antoine und mich ausspuckte, erkannte ich leider sofort, wo ich war: Unter der Kirche von Wandsbek. Das war nicht ganz, wo ich hinwollte, aber auch nicht falsch. Noch eine weitere halbe Stunde bis Winterhude. Puh.

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Diese Geschichte hat keine Pointe. Ältere Fahrradabenteuer: Eins, zwei, drei, vier, fünf.

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3 Kommentare »

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  1. Fahrrad fahren ist doch immer wieder schön ! Ich weiß nicht, wo Sie langgefahren sind. Ich habe einen „bikeline Radatlas Hamburg“ vom ADFC aber ich kenne mich so dermaßen wenig in Hamburg aus, dass ich nichtmal die Kirche in Wandsbek finde. Ich habe mal eine Tour vom Bahnhof Harburg bis zur Uni gemacht. Es ging über die Elbbrücken, ein langes Stück zwischen Kleingärten und der B 4/75 entlang, ein Stück durch den Freihafen und dann irgendwie durch die Innenstadt zur Uni.
    Was mich nur wundert, wie Sie soviel mit diesem sagen wir mal liebenswerten Fahrrad fahren. Ich bin kein Technikfetischist, aber so ohne mehrstufige Gangschaltung würde ich auf Dauer die Lust etwas verlieren.
    Dennoch finde ich ihre Radfahrbegeisterung richtig gut. Es geht ja die Mär von einigen Studenten, die bei plattem Reifen erstmal auf das Auto ausweichen, oder sagen sie konnten sich kein Rad leisten, obwohl sie Auto, Handy und Laptop besitzen.
    Wenn ich Ihr Fahrrad jemals sehe in Hamburg, hefte ich einen Zettel dran „Ist das Antoine?“, aber das ich glaube nicht, dass ich es je entdecke.

  2. Vielen Dank für den Kommentar, Grenzquell. Ich fahre mit diesem klapprigen Fahrrad sogar stets im dritten Gang, und wundere mich, ehrlich gesagt, daß es so lange keine Schwierigkeiten machte.
    Ich weiß nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, Antoine in der Stadt zu treffen, aber er steht durchaus oft draußen rum – schließlich wird er bestimmt nicht so schnell geklaut.

  3. Dein Antoine ist sicher sehr glücklich ob der vielen Spannenden Erlebnisse, die er mit Dir teilen darf, oder?


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